Weniger machen

Ich bin letztes Jahr gereist und es gab einen Moment, da hat mich sehr beeindruckt, was ein Australier in einem südfranzösischen Ökodorf sagt. Er sagte, wir müssten alle weniger tun.

Einfach weniger tun. Auch in unserem Eifer, das Klima schützen zu wollen.

Das hat mich in dem Moment vielleicht so sehr verblüfft, weil ich auch schon in diese Richtung gedacht hatte, mir aber nicht wirklich erlaubt hatte, das zu denken.

Der Australier, Tim ist sein Name, war auch schon etwas rumgekommen und hatte als letztes in China Englisch unterrichtet. Auch das kam mir seltsam vertraut vor – ich hatte mal in einer NGO in Berlin gearbeitet, in der es sehr trubelig zuging und war weit gereist, um kohärente Lösungen im Klimasektor kennenzulernen, v.a. in der Landwirtschaft.

Die NGO, für die ich gearbeitet hatte, ist wahrscheinlich ein gutes Beispiel dafür, weshalb sich Tim für Minimalismus einsetzt. Dort wird sich für Klima- und Umweltschutz eingesetzt, aber die Vorstandsriege fliegt mindestens einmal im Monat irgendwo hin, es gibt pompöse Feste und Konferenzen und der Betrieb ist natürlich nur mit ständig auf Hochtouren laufender IT-Infrastruktur möglich.

In dem Ökodorf, wo ich Tim traf, wird im Holzofen Brot aus eigens angebautem Getreide gebacken. Es gibt eine Waschmaschine, die jedoch nur die feste Crew benutzen darf; alle Freiwilligen waschen ihre Kleidung mit der Hand draußen in großen Trogen, auch bei -2 Grad. Es gab eine Zeit, als das Ökodorf noch stärker bevölkert war, zu der es sich noch mit allen Dingen selbst versorgen konnte, samt Honig und Bienenwachskerzen.

Ich finde Tom’s Vorschlag großartig! Weniger tun. Insgesamt und überhaupt. Wer würde das nicht wollen? In dieser vollen Welt, in der ständig die Wartung irgendeines Geräts ansteht, das neuste sozialkritische Buch gelesen werden müsste, Sport getrieben werden müsste, die verschiedenen social media-Kanäle sowohl privat als beruflich bespielt werden müssten und so weiter und so fort.

Wie funktioniert es also weniger zu tun? Um die Seele und das Klima zu entlasten?

Meine These ist, dass es momentan aus mehreren Gründen nicht funktioniert und auch nicht wünschenswert ist.

Ein Grund ist, dass der Mensch von Natur aus neugierig und gerne tätig ist. Wir möchten schon wissen, was um uns herum passiert, in unserer Nachbarschaft, in unserer Umgebung, in unserer Gesellschaft. Die Informationen ziehen heute viele Menschen nach wie vor aus Nachrichtensendungen, Zeitungen, Zeitschriften, aber auch vermehrt aus social media-Kanälen, was zu einem ungezügelten Gebrauch der beliebten handlichen Taschencomputer führen kann.

Außerdem haben unsere Kulturtätigkeiten schöne Möglichkeiten erschaffen, sich zu betätigen: Tänze, Bücher, Musik, Kunst, … Das Problem besteht heute eher darin, sich ggf. dauerhaft für etwas zu entscheiden und nicht ausschließlich zu Konsumieren, sodass die eigenen Fähigkeiten verkümmern. Doch teilhaben an diesen Kulturtätigkeiten ist eine Facette unseres Menschseins.

Ein weiterer Grund, warum ich ein meditatives Weniger-Tun (noch) nicht für geeignet halte ist, dass es schlichtweg im Bereich Klima- Umwelt- und Naturschutz (noch) zuviel zu tun gibt. Wir brauchen daher ganz dringend kluge Strategien und Aktivitäten, um in diesen Bereichen. Dies widerspricht einem Weniger an Autos, Softdrinks und Kohlekraftwerken nicht, aber es widerspricht einem Rückzug ins Private.

Wir leben in einer vollen Welt mit vielen Gütern, Strukturen, Pfadsetzungen in Bezug auf Energiegenerierung und Herstellung dieser Güter als auch Verhaltensweisen in Form von Gewohnheiten. Es gilt diese Fülle neu anzuordnen und, wenn sinnvoll, eine gelenkte systematische Reduktion zu erreichen.

Wir müssen uns heute also mit dieser Fülle befassen und kluge strategische Veränderungen einleiten, um Strukturen zu schaffen, die ein zukünftiges System erschaffen, bei dem wir Menschen nicht mehr naturzerstörend handeln, indem wir uns einfach nur im System zurechtfinden. Dies ist bereits für viele eine große Herausforderung. Ein zukünftiges System, das in Einklang mit dem globalen Ökosystem funktioniert, wird auch eine volle und reichhaltige Lebenswelt bieten in Form von gesunden Lebensmitteln, sauberer Luft, wilde Naturorte, Möglichkeiten, Kunst, Kultur und Konsum selbst herzustellen und zu gestalten usw. Aber diese gilt es zu kreieren, zu gestalten und das wird noch viel Tatdrang und Energie kosten.

Veröffentlicht von Christine Heybl

Ich habe zum Thema 'Klimagerechtigkeit' promoviert, Hauptfach Philosophie, Nebenfach Biologie. Ziel war es zum Thema Nachhaltigkeit, herauszuarbeiten, dass durch den Klimawandel Menschenrechtsverletzungen entstehen und wir daher die Verpflichtung haben, in allen Bereichen der Gesellschaft eine nachhaltige, ökologisch-vertretbare Lebensweise einzuführen, die die Menschenrechte aller Individuen sowohl heute als auch in Zukunft möglich macht und schützt. Ich bin sehr Nachhaltigkeitsthemen interessiert, zurzeit v.a. an nachhaltigem Konsum, organischer Landwirtschaft und Permakultur.

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