Grüße aus einem schönen Universum im Austausch mit der Realität

Hallo zusammen! Ich habe lange nichts mehr geschrieben und dieser Beitrag ist improvisiert und ein erster Wiedereinstieg.

Improvisiert schon allein deswegen, weil ich im Bahnhof in Montauban (Südfrankreich) sitze, wo ich endlich eine WLAN-Verbindung habe. Mit meiner Affinität zum großen Feld der Permakultur habe ich mich auf gemacht, um Projekte zu besichtigen und dort mitzuarbeiten, um zu erfahren, wie vor allem kommerzielle Landwirtschaftsprojekte, die neue Wege gehen, auch ökonomisch überleben.

Zurzeit bin ich auf einer Agroforstfarm im Süden Frankreichs zwischen Toulouse und Montauban. Sie ist 18 Hektar groß und wurde von dem dort ansässigen Landwirt allein aufgebaut. Auf ca. 2 Drittel der Fläche wachsen Bäume – Nuss-, Maul-, Pfirsich-, Birnenbäume. Ich habe noch keine Apfelbäume entdeckt, aber ich mir sicher, dass es auch welche dort gibt. Mandelbäume und Kirschbäume sind sehr präsent. Er hat über 80 Arten untergebracht. Feigenbäume selbstverständlich auch – immerhin sind wir in Südfrankreich.

Die Kirschen sind gerade reif

Auf wiederum einem Teil der Fläche lässt er Kleegras wachsen, was er mäht und als nährendes Mulchmaterial verkauft und womit er selbst düngt. Auf nochmal ca. 3 Hektar stehen Gewächshäuser, um Gemüsepflanzen anzuziehen – kleine Paprika-, Auberginen, Basilikumpflanzen und vieles mehr, das zunächst gesät, umgetopft und ausgepflanzt wird. Vieles davon wird jedoch direkt auf dem Markt verkauft, sodass die Kunden ihre eigenen Tomaten anbauen können. Eigentlich ist Ludovic, der Farmer, von Hause ‚maraîcher‘, frz. für Gemüsebauer.

Warum hat er nun so viele Bäume auf seinen Flächen gepflanzt?

Agroforst, wie dieser Ansatz in der Landwirtschaft genannt wird, hat viele Vorteile. Die Bäume werden in Reihen gepflanzt, sodass dazwischen nach wie vor Porree, Kartoffeln, Paprika, usw. angebaut werden kann. Ein großer Vorteil für mich als aktuelle Mithelfende: Wir können oft im Schatten arbeiten. Es ist Ende Mai und fängt langsam an, wirklich warm zu werden. Über die letzten 10 kühlen Tage waren wir sehr froh.

Sich abwechselnde Auberginen- und Paprikapflanzungen unter Nusssträuchern und m Pfirsichbäumen

Aber auch für die Pflanzen ist der Schatten sehr willkommen. Der Anbau in dieser Region wird wegen der Hitze und des fehlenden Wassers immer schwieriger. Einige Kulturen, vor allem Kohl, können in der Region gar nicht mehr gepflanzt werden. Ludovic hat eine interessante Methode erfunden: der Boden wird dick mit Stroh bedeckt und stark gewässert. Darüber kommt eine Plastikplane. In diese werden Löcher geschnitten und darin wird gepflanzt. Nach der Pflanzung wird die Fläche ca. 6 – 7 Stunden gesprengt. Das Stroh, die Plane und der Schatten der Bäume führen dazu, dass Ludovic einige Kulturen für den Rest der Anbauzeit kaum noch wässern muss. Das zeigt sehr anschaulich, wie gut das Mikroklima ist, dass Bäume um sich herum kreiern können.

Hier Tomaten- und Mangoldpflanzungen unter Stroh und einer Plastikplane

Ein offensichtlicher Vorteil großen Waldgarten, wie man einen Agroforst auch sehen könnte und wie er bei meiner Aufzählung der gewählten Arten wahrscheinlich schon aufgefallen ist, ist, dass es nach einiger Zeit wirklich viel zu ernten gibt: Maulbeeren, Kirschen, Birnen, Mandeln, Haselnüsse, Pfirsiche, Feigen. Es kann noch viel mehr sein. Bei Ludovic wuchsen auch Beerensträucher zwischen den Bäumen. Leider wurden sie überwuchert von Klebkraut und Gräsern.

Waldgarten sorgen für viel Bewurzelung unter dem Boden und damit für eine gute Durchlüftung und Wasserspeicherung im Boden. Wenn man sich bewusst macht, dass ein Baum über ebenso viel Wurzelmasse verfügt wie über Kronen- und Stammmasse, wird klar, wieviel Biomasse unter der Erde steckt bei einem Wald oder Agroforst. Um gleichzeitig das Bewirtschaften zwischen den Baumreihen möglich zu machen, muss den Bäumen in den ersten Jahren der Pflanzung ‚beigebracht‘ werden, dass sie nach unten wurzeln müssen, anstatt seitwärts, sodass das Gemüsebeet noch zugänglich ist und die Baumwurzeln den Gemüsepflanzen kein Wasser wegnehmen.

Waldgärten speichern durch ihre enorme Biomasse viel Kohlenstoff und bringen ihn damit wieder dorthin zurück, wo er sein sollte: in Pflanzen und in unseren Böden, statt in der Luft/Atmosphäre. Ihre Blätter sorgen durch Photosynthese dafür, dass uns Sauerstoff statt Kohlendioxid zum Atmen zur Verfügung steht und die Wurzeln bauen eine Bodenstruktur auf, die Wasser speichert, filtert und zurück zu den Grundwasserreserven führt.

Neben Lebensmitteln können auch z.B. Baustoffe wie Holz in einem Waldgarten geerntet werden als auch Grundstoffe für Textilien wie z.B. Baumwolle, wenn dies eingeplant wird. Oder einen Lebensraum bieten für Tiere wie z.B. Schweine oder Hühner.

Porree und Hühner einträchtig unter Birnenbäumen und neben Johannisbeersträuchern

Letztendlich und natürlich auch ein wesentlicher (der wesentlichste?) Faktor: Agroforstsysteme erhöhen die Biodiversität. In einem solchen Natursystem finden auch Insekten, Reptilien, Vögel und kleine Säugetiere ihren Platz und ausreichend Nahrung.

Alles in allem ein verheißungsvolles Konzept, nicht wahr?

Ja, finde ich auch nach wie vor.

Die Realität ist zum Teil schwierig. Ludovic ist im Prinzip allein für das Terrain zuständig und vieles ist vernachlässigt. Er hat den Wurzelschnitt die ersten Jahre nicht vorgenommen und schneiden jetzt im Nachhinein die Wurzeln der Bäume, was sie beeinträchtigt. Den Beerensträucher wird keinerlei Beachtung mehr geschenkt und so gut wie nichts, was an den Bäumen wächst wird auf den Märkten verkauft, die u.a. Ludovics Einnahmenquelle sind. Sein Argument ist, dass die Leute die Preise für Biolebensmittel nicht mehr bezahlen wollen oder können. Auch hier sind die Lebenserhaltungskosten natürlich gestiegen. Zudem werden die Märkte mehr und mehr von Produkten eingenommen, die makellos aussehen, günstig sind, allerdings aus konventioneller Produktion aus Spanien kommen. Mit 29 Millionen Tonnen kommt mehr als ein Viertel der Obst- und Gemüseproduktion in der EU aus Spanien. Leider unter großer Belastung der Umwelt und herangezogener Gastarbeiter.

Die spanischen Obst- und Gemüsesorten sehen makellos aus und sind günstig. Ludovics Salate, die wegen ihrer unperfekten Erscheinung und aufgrund eines langen kühlen Frühlings nicht gekauft wurden und geschossen sind, werden nicht gekauft und belegen die Gewächshäuser, wo längst etwas anderes wachsen müsste. Der Verkauf von Pflanzen ist eingebrochen, weil die Kunden vielfach keine Gärten mehr haben – die Städte werden zunehmend verdichtet – einen Garten zu haben und Zeit zu haben, sich darum kümmern, wird immer unüblicher.

Da das Terrain, das Ludovic bewirtschaftet für ihn allein viel zu groß ist, hat er sich helfende Hände wie z.B. mich über Wwoof (World wide opportunity on organic farms) organisiert. Das ist eine sehr gute Methode, damit Menschen wie ich, die ihren Bürojob nicht mehr aushalten, aber praktische Erfahrung in der Biolandwirtschaft suchen, partizipieren können. Das funktioniert auch oft super. Allerdings ist die Arbeitskraft und -qualität von uns Freiwilligen schwer einzuschätzen und stellt die Besitzer der Projekte/Landwirten oft vor Herausforderungen. Dazu entstehen natürlich zusätzliche Kosten durch die Lebensmittel und Logis, die uns Ludovic im Austausch zur Verfügung stellt. Ich will dieses Modell gar nicht so schlecht darstellen, weil es vor allem auch den sozialen Austausch fördert und viele Mitmachende – aufseiten der Freiwilligen als auch aufseiten der Gastgeber – dies oft sehr genießen.

Alles im allem ist dies nur ein kurzer erster Einblick in meine ‚Tour de France‘ in die Biolandwirtschaft in Frankreich.

Ich bewundere zutiefst, dass Ludovic so ein großes Ökosystem geschaffen hat, das vor allem der regionalen Ökologie als auch den zukünftigen Generationen dienen wird.

Blühende Zucchinizöglinge

Hier eine Kombination aus Porree, Wein und Apfelbaum, an dem der Wein hochragt

Ich als Freiwillige darf mich dazu auf dem Weg zum Feld über ca. einem halben Dutzend Eidechsen erfreuen, die vor mir flüchten als auch den Bläulingen und Kohlweißlingen, die sich auf den Kornblumen und dem Mohn niederlassen.

Veröffentlicht von Christine Heybl

Ich habe zum Thema 'Klimagerechtigkeit' promoviert, Hauptfach Philosophie, Nebenfach Biologie. Ziel war es zum Thema Nachhaltigkeit, herauszuarbeiten, dass durch den Klimawandel Menschenrechtsverletzungen entstehen und wir daher die Verpflichtung haben, in allen Bereichen der Gesellschaft eine nachhaltige, ökologisch-vertretbare Lebensweise einzuführen, die die Menschenrechte aller Individuen sowohl heute als auch in Zukunft möglich macht und schützt. Ich bin sehr Nachhaltigkeitsthemen interessiert, zurzeit v.a. an nachhaltigem Konsum, organischer Landwirtschaft und Permakultur.

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