Viele werden jetzt wahrscheinlich amüsiert und/oder schuldbewusst lächeln und denken: ‚Ja, sowieso – heute morgen zuviel Kaffee, zwischendurch ein Schokocroissant, das nicht nötig gewesen wäre, mittags zum Kantinenmenü die Fritten dazu, danach noch einen Kaffee, nachmittags diese seltsam süßen Zitronenkekse, die im Büro herumliegen. Welch eine Frage, natürlich ernähren wir uns (fast) alle nicht richtig. Wozu die Frage? Um noch mehr Ernährungstipp mit Superfoods, Superbowls und Supermüslis anzupreisen?‘
Das ist nicht das, was mir im Kopf herumschwirrt, um diesen Blogbeitrag zu schreiben. Ich bin jetzt seit 2,5 Monaten in Frankreich unterwegs auf Farmen mit Bio-Landwirtschaft.

Teilweise klein (3-4 Hektar), teilweise riesig im Vergleich zur manpower (18 Hektar, die von einer Person bewirtschaftet wird – ach so, nein, plus ca. 3 – 5 Freiwillige/Praktikanten*Innen/Wwoofer*Innen). Vielleicht kam mir der Gedanke, dass wir das Falsche essen (wollen), anbauen, uns darum kümmern, Ressourcen und Zeit für diese Form der Ernährung aufwenden bereits nach drei Wochen und durchschlagend noch einmal vor ca. einer Woche. Beide Mal befand ich mich auf der Farm, die ich als erstes besuchte: einer Agroforstfarm im Süden Frankreichs zwischen Montauban und Toulouse (s. die letzten beiden Blog-Beiträge).
Ich verbrachte zum Anfang meines geplanten 6-Monatsaufenthalts in Frankreich 4 Wochen bei Ludovic, dem stolzen Besitzer von 18 Hektar Land, auf dem er erstaunlicher- und dankenswerterweise allein auf 5 Hektar Fruchtbäume verschiedenster Varianten und Spezies angepflanzt hat, Apfel-, Birnen-, Pfirsich-, Feigen- und Maulbeerbäume und einiges mehr. Das Prinzip des Agroforst ist eigentlich denkbar einfach: Man pflanzt Bäume in Reihen an und kann dazwischen nach wie vor Gemüse anbauen. Weiter ins Detail gehend, wird es dann schwieriger: die Wurzeln müssen gekappt werden, damit der Baum in die Tiefe wurzelt und den Platz zwischen den Reihen wurzelfrei lässt für den Gemüseanbau. Dazu müssen die Bäume einmal im Jahr ordentlich beschnitten werden, um jeden Jahr schöne, große Früchte zu tragen und nicht zuviel Schatten zu werfen, usw.
Wenn dies alles getan ist, kann man zwischen den Baumreihen wie gewohnt Kulturgemüsepflanzen setzen wie z.B. Auberginen, Paprika, Kartoffeln, Lauch, usw. Besonders Lauch freut sich über den Schatten. Als ich diesen eines Tages von seinen Beikräutern befreite, war es eindeutig, dass der Lauch in den beschatteten Stellen besser wuchs und im Gegensatz dazu die Beikräuter weniger und kleinwüchsiger waren. Praktisches Ergebnis.
Wenn dies so gut funktioniert, der koexistierende Anbau von Früchten und Gemüsepflanzen, dann wieder der Zweifel: Warum stelle ich die oben genannte Frage?
Nach 3 Wochen bei Ludovic traute ich mich die Frage zu stellen, ob es nicht andere Möglichkeiten gäbe, das Gemüse anzubauen, anstatt mit den allgewärtigen Plastikplanen. Ludovic meinte lapidar, dass das nicht geht, weil bei ihm alles so fantastisch wächst, auch das „Unkraut“. Er gönne es nicht im Griff behalten ohne Planen, man bräuchte viel mehr Handwerk, sprich: Leute, die jäten. Das hörte ich in den kommenden Wochen von anderen Farmern*Innen noch sehr oft. Ludovic starrte noch eine Minute auf Lauchbeet, vor dem wir standen und wandte sich dann im Laufschritt Richtung Gewächshäuser. Dabei wandte er sich noch zu mir um und meinte: „Le sauvage ne nourrit pas.“. Übersetzt heißt das: „Das Wilde ernährt nicht.“.
Der Satz blieb mir im Gedächtnis kleben. „Das Wilde ernährt nicht.“. Ist das so?
Bei meinen weiteren Farmaufenthalten, es folgten zwei weitere nach dem Agroforst von Ludovic, liefen mir viele Pflanzen über den Weg, die weggejätet werden sollten, die man essen kann. Ackermelde (sowieso und immer), Brennnesseln (ebenso), Borretsch (wobei das Wegjäten von Charlie wohl ein gedankenverlorener Fehler war, aber ernten taten sie ihn auf jeden Fall nicht), Löwenzahn, Spitzwegerich, u.v.m.
Immer wieder stellte sich mir die Frage, was wohl wäre, wenn wir diese Pflanzen auch essen würden?
Als ich im Sommer 2022 bei einem Event in einem Kulturladen in Hamburg einen Vortrag über Permakultur hielt, hörte ich mich selbst sagen, dass unsere landwirtschaftlichen Flächen entlastet würden, wenn wir auch Wildwuchs essen würden. In dem Moment überraschte ich mich selbst mit dieser Eingebung, die aber ja nur zu logisch war.
Der Gedanke, dass wir nicht das Richtige essen bzw. dass wir uns zu sehr limitieren, kam mir noch einmal wie ein Schlag, als ich das 2. Mal bei Ludovic aufkreuzte, um mir anzuschauen, wie sich der Agroforst in meiner Abwesenheit entwickelt hatte. Ich nahm mir vor, die Lauchreihen zu jäten, weil dort große Stechapfel- und Getreidepflanzen standen, die einige Lauchpflanzen zu ersticken schienen. Nach einigen Minuten stieß ich auf Portulak – eine wilde, fleischige Variante des Portulaks, der auf Märkten verkauft wird. Die domestizierte Art ist hellgrün, hat dünne, aber ebenfalls safte Stängel, die mitgegessen werden können und ein rundes bis herzförmiges Blatt. Die wilde Variante ist wesentlich dickfleischiger und verzweigter als auch dunkler in der Farbe. Sie ist nicht so fein, aber ich finde sie ebenfalls köstlich.

Hier wunderbarer Portulak neben zwei Lauchpflanzen.
Beim Jäten traf ich auf wunderbare große verzweigte Exemplare. Ich naschte hier und da und war kurz davor, eine kleine Kiste zu sammeln für den Markt, den Ludovic am nächsten Markt machen würde. Ich hielt mich zurück. Ludovic ist kein bisschen experimentierfreudig, wenn es um die Produkte auf dem Markt angeht. Abgesehen davon scheint seine Lieblingsbeschäftigung auch nicht das Verkaufen zu sein. Das Credo bei allem, was ich ihm an Alternativen vorgeschlagen habe zu dem üblichen, etwas magererem Programm im Spätfrühling wurde abgewiesen mit den Worten, dass die Menschen es nicht kaufen/ausprobieren/bezahlen würden.
Während ich recht große Mengen an essbarem Salat zwischen den Lauchpflanzen wegrupfte, kam mir trotzdem der Gedanke, dass die Mischkultur von Lauch und wildem Portulak genial ist und mehrere Vorteile hat. Erstes ist Portulak ein Bodendecker und hält die Feuchtigkeit im Boden. Dies ist auch ein Grund, weshalb Ludovic Plastikplanen verwendet. Er schichtet erst Stroh auf die zu bepflanzende Fläche auf und legt eine Plane darauf, bewässert alles gründlich, um daraufhin in den Löchern der Plane zu pflanzen. Sein Argument ist, dass die Kombination aus Stroh und Plane die Feuchtigkeit gut hält. Dies könnten allerdings auch andere Pflanzen tun.
Ein zweiter Vorteil ist der simpel genannte: Man kann das Beikraut auch essen, nicht nur die Kulturpflanze.
Ein weiterer Vorteil ist, dass die Person, die für das Jäten bezahlt werden muss, sich gleichzeitig ihr ein Einkommen für diese Zeit erwirtschaftet, indem sie etwas erntet, dass verkauft werden kann. Damit kann dem Argument begegnet werden, dass viel mehr ‚Hände‘ bzw. Arbeitskraft in der Landwirtschaft benötigt wird, die nicht bezahlt werden können. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, können damit ‚leakages‘ vermieden werden. Das ist der englische Ausdruck dafür, wenn etwas abfließt und damit einen Verlust darstellt. Die Arbeitskraft, die beim Jäten aufgewendet wird, wird oft als überflüssig und zeitraubend angesehen. Wenn dies stattdessen in Kombination mit einer Ernte geschehen kann, gibt es keinen Verlust, v.a. keinen ökonomischen. Die Zeit-Geld-Kalkulation stellt bei den meisten landwirtschaftlichen Projekten die Schlüsselfrage dar.
Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass Wildkräuter oder –varianten nährstoffreicher sind als ihre domestizierten Verwandten. Einige Arten sollten daher auch nur in Maßen genossen werden, wie z.B. Borretsch. Es lohnt sich daher, sich vor dem Verspeisen Informationen zu dem Kraut/der Frucht/der Knolle einzuholen. Von vielen Pflanzen kann allerdings bedenkenlos gegessen werden wie z.B. der hier vielbesungene Portulak. Bei einigen Pflanzen hat man auch gar nicht das Bedürfnis unendliche Mengen zu verspeisen wie z.B. von dem bitteren Löwenzahn. Kleine Mengen können aber sehr gesund sein. Brennnesseln enthalten z.B. viel Eisen und Vitamin C.
Desweiteren sind diejenigen Beikräuter, die ich hier im Auge habe, robuster und benötigen weniger Pflege, Wasser, Arbeitszeit. So ist z.B. sowohl die Ackermelde als auch der Löwenzahl als auch die Brennnessel sehr genügsam.

Hier eine Mischung aus Zitronenmelisse, Gräsern und Brennnesseln, die mit Sicherheit für eine gute Durchwurzelung sorgen.
Ein letzter großer Vorteil, den man sich klarmachen sollte, ist, dass Zwischenbewuchs dazu führt, dass der Boden stärker bewurzelt ist. Je besser die Verbreitung von Wurzeln im Boden stattfindet, desto höher die Aktivität von Bodenlebewesen und der Aufbau von Humus. Durch eine hohe Diversität über dem Boden, d.h. mit vielen unterschiedlichen Pflanzen, die unterschiedliche Wurzeln ausbilden, erreichen wir eine hohe, dichte Wurzelmasse im Boden. Die Wurzeln sekretieren Zucker, die Kleinstlebewesen anziehen wie Bakterien, Pilze, Fadenwürmer und unterschiedlichste Einzeller. Die reiche Bewurzelung und Belebung führt zu einer reichhaltigen Erde mit den Nährstoffen, die gesunde Pflanzen benötigen, die wiederum uns in diesen Pflanzen zur Verfügung steht. Der dauerhafte Humusaufbau führt dazu, dass wir diesen Untergrund auch in Zukunft nutzen können, um Landwirtschaft zu betreiben und gleichzeitig die Biodiversität erhalten können, d.h. den Bodenlebewesen nicht ihren Platz zum Existieren rauben.
Um realistisch zu bleiben, muss allerdings angemerkt werden, dass Multikulturen natürlich ihre Herausforderungen beinhalten. Je mehr Pflanzen auf einem Fleck, desto eher finden Prädatoren diese Anpflanzung attraktiv. Tomaten und Kartoffeln ergänzen sich von der Pflanzen- und Wurzelform gut (Tomaten groß und gerade Wurzeln, Kartoffeln kleinwüchsig und eher flachwurzelnd). Beide gehören jedoch zur derselben Familie ‚Solanaceae‘ und ziehen Mehltau an. Dazu können Zwischenpflanzungen die Arbeit erschweren. Um bei demselben Beispiel zu bleiben: Kartoffeln sollten angehäuft werden, d.h. die Erde wird mehrere Mal angehäuft, damit die Pflanzen mehr Knollen ansetzen. Dies brauchen Tomaten nicht, sodass eine Mischkultur diese Technik schwierig gestalten kann. Zudem kann das Ernten einer Art die andere Art stören und schwächen. So stellt das Ausbuddeln der Kartoffeln natürlich ein mittleres Erdbeben für benachbarte Pflanzen dar.
Die Idee wäre, dass – wie immer in der Permakultur – die Natur beobachtet wird und die Pflanzenkombinationen gewählt werden, die sich schon von selbst etablieren. Dabei komme ich auf meine Ausgangsfrage zurück: Wir essen das Falsche, weil viele essbare Wildpflanzen, sich bereits mühelos zwischen unseren Kulturpflanzen angesiedelt haben und im Prinzip nur von uns geerntet und gegessen werden müssten?
Ich empfehle: Portulak, Löwenzahn und einige Blüten Borretsch als Salat, danach einen Brennnessel-Quiche mit Kapuzinerkressenblüten und Ackermelde als Verzierung. Als Dessert wildwachsender Wein und Brombeeren und Zitronenmelissentee.
