Die zwei Seiten des menschlichen Maßes

Dies ist ein Artikel, v.a. an diejenigen, die einen Job haben, der zwar das eigene Helfersyndrom befriedigt, aber auch sehr stark herausfordert. All diejenigen, die in sozialen oder ökologischen Jobs stecken, in sogenannten Weltretter-Positionen.

Am Anfang dieses Blogs hatte ich schon einen Beitrag zum menschlichen Maß verfasst. Darin ging es um unseren Konsum, darum, diesen wieder auf ein menschliches Maß zu begrenzen.

In diesem Artikel soll es um menschliche Arbeitskraft gehen. Auch diese, und das mag paradox klingen in unserer heutigen Leistungsgesellschaft, sollte begrenzt werden auf ein menschliches Maß, vor allem von denjenigen, die in den Weltretter-Posten sitzen.

Wir/ die Welt, braucht/brauchen euch. Wenn ihr krank werden, outgeburnt seid, nur noch am See hocken möchtet und auf’s Wasser starren möchtet, bringt es all den Projekten, die ihr angestoßen oder mit voran gebracht hat, auch nichts mehr. Die Welt verbessern geht nur mit einer gesunden Portion Eigenfürsorge. Ganz abgesehen davon seid ihr Menschenkinder und habt daher ein Recht auf eure eigene Würde. Und diese kann sich nur entfalten, wenn wir für alle unsere Grundbedürfnisse sorgen. Auch wenn die Menschheit zurzeit (ZURZEIT) sich selbstzerstörerisch verhält, hat jeder Einzelne das Recht hier zu sein und bringt etwas mit, was gut ist. Daher hat jeder ein Recht darauf, dass seine Grundbedürfnisse ausreichend befriedigt werden – auch mit vollem Schreibtisch, auch mit Last-minute-Aufgaben! 

Ich habe mit Absicht nicht das Wort Egoismus hier verwendet, weil ich es trotzdem in der Tat schwierig finde, wenn wir uns heute Rechte einräumen, die schon zu unserer Lebenszeit andere Personen um wesentlich elementarere Rechte berauben, wobei wir mit einem kurzen Exkurs wieder beim Thema ‚Konsum‘ wären. Die Rechtfertigung lautet: „Ich habe aber auch ein Recht, hier zu sein/zu leben“. Das ist natürlich richtig. Doch wenn ich mir in diesem Leben so viele individuelle Rechte einräume wie z.B. schlicht und ergreifend einen sehr konventionellen westlichen Lebensstil zu pflegen, ohne sich in irgendeiner Form an der öko-soziale Transformation unserer Gesellschaft zu beteiligen, viele Autokilometer zu fahren, viel Müll zu produzieren, einen hohen Fleischkonsum zu haben, usw., dann nehme ich damit anderen Menschen indirekt ganz basale Rechte auf Leben. Es mag weit weg erscheinen, aber unser Lebensstil führt tatsächlich dazu, dass der Klimawandel fortschreitet und z.B. Stürme oder der Meeresspiegelanstieg die Lebensgrundlagen im wahrsten Sinne des Wortes anderer Menschen vernichten. Es nimmt ihnen Land, um dort zu leben oder Nahrungsmittel anzubauen. Noch viel einfacher: Der Sojaanbau in Brasilien nimmt den Menschen dort ihr Land weg, weil wir Produkte konsumieren möchten, die aus diesem Soja hergestellt werden (v.a. Fleisch).

Viele Zusammenhänge sind daher sehr direkt und wir dürfen uns davor nicht verschließen.

Trotzdem: Ja, wir sind hier und wir haben selbstverständlich ein Lebensrecht. Wir müssen bzw. dürfen (ein viel schöneres und passenderes Wort hier) dafür sorgen, dass es uns gutgeht, ansonsten können wir unseren Job, der ja die Welt etwas lebensfreundlicher machen kann, nicht ausfüllen. Wir haben das vollkommen legitime Recht, auf uns aufzupassen.

Aber: Wir dürfen gerne die Weichenstellungen unternehmen, die gleichzeitig auch auf individueller konsumptiver Ebene die Welt sozialer/ökologischer machen (oft hängt es ja zusammen – fair gehandelte UND ökologische Produkte, genossenschaftliche Banken, die in ökologische Projekte statt in Waffenhandel investieren, usw.).

Sowohl für unseren Konsum als auch für unsere Arbeitskraft gilt es, ein gesundes Maß zu finden. Auf sein eigenes Wohlbefinden aufzupassen, dies zu pflegen, sich nicht zu überfordern und gleichzeitig seinen Anteil dazu beizutragen in dem Sektor, der einem wichtig ist.

Ich habe keine Lösung dafür, wenn die Aufgaben nun einmal anstehen und gemacht werden müssen. Ein Bereich, an dem man doch oft abstreicht und der einem später leider vielfach auf die Füße fällt, ist es Ordnung zu schaffen.

Ein Tipp könnte sein, sich Hilfe zu holen. Ich tue das ständig. Das fühlt sich nicht immer gut an, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass Menschen gerne helfen. Und dass man ihnen nicht unbedingt nur etwas nimmt/etwas fordert (Aufwand, Zeit, Arbeit), sondern auch etwas gibt: das Gefühl, geholfen zu haben/gebraucht zu werden/Dankbarkeit zu empfangen. Und, in einer Zeit, in der alle allein in ihren Cubicles (engl.: Kästchen – ich mag dieses Wort sehr, weil es sehr meine Impression des heutigen Büroalltags einfängt), d.h. in ihrem kleine zusammengebastelten Universum des Homeoffice sitzen – mit dem Akt, nach Hilfe zu fragen und diese anzunehmen, stellt man Gemeinschaft her. Auch das ist unheimlich ermutigend in Jobpositionen, die einem vielleicht (wahrscheinlich, wenn es ums Welt retten geht) auch psychisch so einiges abverlangen.

Hier sei dazugesagt, dass Hilfe holen auch eine Gradwanderung sein kann: Wer hat tatsächlich Kapazitäten? Wenn bringe ich damit doch an den Rand ihrer/seiner Kräfte? Wer ist stark gefordert und kann aber nun einmal nicht ‚Nein‘ sagen?

Was die psychische Belastung angeht, habe ich persönlich irgendwann beschlossen, mich so gut wie möglich auf die positiven Visionen und Zwischenerfolge zu fokussieren. Auch das ist durch bestimmte Weichenstellungen unserer Gesellschaft, Anforderungen des Berufsalltags als auch ganz normales Up-to-date-Seins nicht einfach. Natürlich müssen die Fakten immer wieder aufgefrischt werden, ob es sich um den Klimawandel, seltene Krankheiten, widerstreitende Dynamiken zwischen ökologischen und sozialen Zielen, usw. geht.

Das Positive, was bei all unseren Bemühungen jedoch schon passiert, all die kleinen Babyschritte sollten uns leiten, motivieren und freuen. Sie führen uns zu den Visionen, die wir haben und anstreben.

All dies ist ein Plädoyer, sowohl den eigenen Konsum als auch die eigene Arbeitskraft so zu lenken und zu dirigieren, dass beides dem eigenen Körper, der eigenen Seele und dem Gemeinwohl zuträglich sind. Welche Möglichkeiten ich als Einzelperson dabei ergreifen kann, ist ein ständiger Prozess des Auslotens.

Dazu passt sehr ein Zitat, das mir heute Morgen begegnet ist:

Friedrich Christoph Oetinger. „Gott gebe mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden. “

Veröffentlicht von Christine Heybl

Ich habe zum Thema 'Klimagerechtigkeit' promoviert, Hauptfach Philosophie, Nebenfach Biologie. Ziel war es zum Thema Nachhaltigkeit, herauszuarbeiten, dass durch den Klimawandel Menschenrechtsverletzungen entstehen und wir daher die Verpflichtung haben, in allen Bereichen der Gesellschaft eine nachhaltige, ökologisch-vertretbare Lebensweise einzuführen, die die Menschenrechte aller Individuen sowohl heute als auch in Zukunft möglich macht und schützt. Ich bin sehr Nachhaltigkeitsthemen interessiert, zurzeit v.a. an nachhaltigem Konsum, organischer Landwirtschaft und Permakultur.

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